Friday, March 23, 2007

Kinderarbeit in San Vicente

Es ist jetzt schon fast zwei Wochen her, dass ich von Freunden abgeholt wurde und wir zusammen nach San Vicente, auf die Weinfarm der Correas, fuhren, die mich netterweise für eine Weile eingeladen hatten. Der Rest hatte eine Hochzeit in der Nähe und so hatte ich einen ziemlich ruhigen ersten Abend. Auch der Sonntag war ruhig, wir grillten draußen, bis uns die Fliegen nach drinnen flüchten ließen. Auch am Nachmittag ereignete sich nicht wirklich viel, außer, dass die Ex-Hochzeitsteilnehmer wieder nach Santiago zurückkehrten und ich somit alleine mit der Familie und Matías zurückblieb.
Montagmorgen nach dem Mittag fing dann für mich "der Ernst der Farm" an, und zwar hatte ich, weil ich ja sonst nichts zu tun hatte, gesagt, ich würde bei der Weinernte bzw. -verpackung helfen und so tat ich dann auch. Meine erste Aufgabe war für Doofe, aber so fängt man ja an. Jeder kennt sicherlich noch diese Folie mit den Luftblasen drin, die jedes Kind so gerne platzen lässt... naja meine erste Aufgabe bestand darin diese Folie, die ungefähr handbreit war, von einer endlosen Rolle in kleine, handtellergroße Stücke zu reißen. Diese dienen übrigens dazu sie unten in die Böden der Plastikbehälter zu legen, wo dann die Weintrauben drauf kommen, damit sie nicht so sehr zerdrückt werden. Und das die ersten beiden Tage ununterbrochen. Nun gut, aber ich beschwerte mich nicht und so kam es dazu, dass ich am Ende des zweiten Tages zur eigentlichen Arbeit überging - "Peso Fijo" genannt, also "Festgewicht". D.h. im Genauen: Weintrauben wiegen - immer um die 580 gr, d.h. von 570 bis 590 gr ist alles erlaubt. Dabei darf es aber nie nur eine Rebe sein, sondern nur zwei oder maximal drei und dann muss man natürlich noch die zu kleinen und zu grünen bzw. schlechten Trauben mit einer Schere rausknipsen - Deckel zu und fertig. Manchmal kommt dann noch n Sticker drauf (kommt auf den Traubentyp und die Firma an) und dann kommt die Packung in eine große Pappschachtel, wo zehn von diesen Plastikboxen reinpassen und die wird dann zu riesigen Paletten gestapelt. Das war mein Job... es gab da so an die 30 oder mehr Arbeiter, die stapelten, die Trauben brachten, Trauben sortierten, weitere "Peso fijos" und dann noch eine andere Art der Verpackung: in Plastikbeutel, die dann wiederum ebenfalls in große Pappschachteln gingen. Beide Arten Pappschachtel wurden da jede Nacht abgeholt, um sie direkt in die Supermärkte Europas, besonders Englands, zu fliegen, also Obacht, ich könnte sie gewogen und verpackt haben :)
Diese Arbeit ging von manchmal 10 Uhr morgens, manchmal 1 Uhr bis meistens spät in die Nacht, 12 oder ein Uhr - könnt euch also vorstellen, wie mir mein Rücken und meine Augen und irgendwann auch meine Hände weh taten - und ich hab das nur eine Woche gemacht, die anderen machen das insgesamt zwei Monate (wenn sie denn regelmäßig kommen würden)!!! Also Respekt an die Weintraubenverpacker...
Samstag hieß es auch noch arbeiten, wurden aber von Santiago Correa gegen Nachmittag losgeeist, um mit ihm eine andere Verpackungsanlage zu besichtigen und auf eine Früchte und Gemüseausstellung der Region zu gehen, zu der auch die Präsidentin Bachelet kam (die wir allerdings verpassten) und wo auch er selber einen Stand für seinen Wein und Olivenöl hatte. Naja, weder das eine noch das andere war spektakulär, sodass wir auch ziemlich bald wieder nach Hause fuhren. Doch Sonntag machten wir endlich, Matías ich und der jüngste Sohn der Familie Andrés, einen Ausritt auf den nahegelegenen Berg. Nach einer Stunde oben angekommen, hatten wir die Wahl: weitere zwei Stunden um die Berge umreiten oder direkt wieder nach Hause. Andrés, der nicht so der Pferdefan ist, ritt allein zurück, während ich und Matías weiter ritten, Berg runter, Schluchten überquerten, Zäune durchbrachen und dann durch halb abgeerntete Maisfelder und Weinanlagen galoppierten und durch Trauerweiden ritten - wie in einem Film. Als wir gegen sieben wieder zu Hause ankamen, war nicht nur meine Hose bei Aufsteigen aufs Pferd im Schritt gerissen, sondern wir mussten uns auch noch beeilen, um zur Messe zu kommen. Ich hatte kaum Zeit mir die Hände zu waschen, mich umzuziehen und noch was zu trinken, da saßen wir auch schon im Auto auf dem Weg zur Kirche.
Das war auch schon unser einziger freier Tag und Montag sollte es schon knallhart weitergehen. Doch dem war nicht so, zumindest nicht für mich, denn an dem Tag gab es kein Peso Fijo und so entschied ich mich alleine nochmal auszureiten, mit der bereits kaputten Hose, denn das war die einizig lange, die ich mithatte, doch bis ich eins der scheuen halbwilden Pferde erstmal eingefangen hatte, verging so eine Zeit. Dann auch noch mit einem chilenischen Sattel ausstatten, was ich noch nie gemacht hatte - aber es ging ziemlich gut, wenn man mal von den 20 Minuten absieht, die ich sicherlich brauchte. Nun ja, alleine, war es nur halb so schön, aber ich hatte ja keine große Wahl. Noch dazu entschärfte es meine Hose nun ganz, denn einmal angerissen, hielt sie nicht mal den ersten Aufstieg aufs Pferd und riss während des Rittes von einem Knie zum anderen, mehr oder weniger :)
Nachdem ich dann zurückgekehrt war, wir zusammen gegessen hatten und ich noch mit der Lütten des Hauses (Catalina) "Phantom der Oper" gesehen hatte, ging ich mit Matías wieder an die Arbeit - bis 12 Uhr nachts.
Den nächsten Tag fuhren wir mit der Hilfe der Hausfrau zum Busterminal nach San Vicente, um von dort aus nach Santiago zu fahren, weil Matías Uniunterricht hatte und meine Woche ja auch schon vorbei war. Und so brauchten wir insgesamt tatsächlich vier Stunden, um zum Haus von Matías zu kommen, wo wir mit seinem großen Bruder uns seiner Mutti, die mich stürmisch süß empfing, Mittag aßen und ich ihm danach die Haare schnitt, was mir - ups - ein wenig zu kurz geriet...
Als er mich dann nach Hause fuhr, sollte mich noch eine kleine und große Überraschung erwarten...

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